Bundeswehr raus aus der Schule!
 

       

Wer? Wie? Was? – Militärische Öffentlichkeitsarbeit

Bundeswehr raus aus der Schule!

Broschüre gegen Totschlag-argumente

>>zurück zur Kampagnenseite

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

>>zurück zur Kampagnenseite

Jugendoffiziere sind das Aushängeschild der Bundeswehr. Sie sollen mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit das Bild einer demokratischen Armee vermitteln. Dass Armeen strukturbedingt nicht demokratisch sein können, hindert sie nicht daran, solches zu behaupten. Wortgewandt verkaufen sie selbst ein archaisches Mittel wie Krieg als den neusten Schrei der Konfliktlösung, natürlich un­ter seinem neuen Namen – „Humanitäre Intervention“.
Laut Bundes­verfassungsgericht (Urteil vom 02.03.77) ist Öffentlichkeitsarbeit für Teile der Regierung völlig normal und legitim. Andere Organe der Exekutive betreiben jedoch nicht so einen Aufwand, um der deutschen Bevölkerung und vor allem der Jugend vor Augen zu führen, warum ihre Arbeit für die Erhaltung der Demokratie absolut notwendig und sie in der Verfassung fest verankert sind. Wie im Kapitel zuvor schon dargelegt, hat sich die Bundeswehr immer weiter von ihrem eigentlichen verfassungsmäßigen Auftrag entfernt. Auch die Wehrpflicht als Zwangsdienst ist verfassungsrechtlich hinterfragbar. In der Bevölkerung besteht dadurch einen hoher (V)erklärungsbedarf.
Um schon frühzeitig späteren unliebsamen Fragen bezüglich der Bundeswehr vorzubeugen, engagieren sich Jugendoffiziere vorrangig an Schulen. Neben ihrer einseitigen Informationsarbeit betätigen sie sich dort auch als Marktforscher. Was stört die Kiddies an der Bundeswehr, wo gibt es noch Klärungsbedarf und: Findet ihr den neuen Leopard nicht auch sensationell? Ihre gesammelten Eindrücke fassen sie in ihrem jährlichen Jugendoffiziersbericht zusammen. Daraus entstehen dann neue Marketingkonzepte für die Bundeswehr, die effizienter und an die Zielgruppe angepasster sind. (Am Produkt ändert sich dadurch nichts!)

Jugendoffiziere stellen sich gerne als Experten in Sachen Sicherheits- und Verteidigungspolitik dar. An Experten erhebt man gemeinhin den Anspruch, dass sie unabhängig und so weit wie möglich objektiv sind. Beides trifft auf die Jugendoffiziere nicht zu.
Im „Handbuch der Jugendoffiziere“ herausgegeben von der Akademie für Information und Kommunikation (AIK) steht: „Jugendoffiziere sind bei ihren Äußerungen zu sicherheits- und verteidigungspolitischen Fragen an Weisungen der für das Aufgabengebiet der Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Stellen gebunden.“ und weiter: „In Kernfragen des militärischen Auftrages dürfen Jugendoffiziere in ihrem dienstlichen Einsatz keine von den Vorgaben des Bundesministerium für Verteidigung abweichenden Auffassungen vertreten.“ Sie sind demnach per Staatsauftrag und Befehl gezwungen, immer im Sinne der herrschenden Regierung und der Bundeswehr zu argumentieren.
In der Arbeit der Jugendoffiziere geht es um Überzeugungsarbeit, nicht wie so oft betont um Dialog und Information. Diese sind höchstens Mittel zum Zweck. So heißt es im „Handbuch der Jugendoffiziere“:
„Ziel der Arbeit des Jugendoffiziers ist es, seine Ansprechpartner von der Verteidigungs­würdigkeit, aber auch von der Verteidigungsnotwendigkeit unserer grundgesetzlichen Ordnung zu überzeugen.“ Dass Verteidigung nicht notwendigerweise militärische Aktionen nach sich zieht, kommt ihnen dabei nicht in den Sinn. Er ist eben Vertreter in eigener Sache und argumentiert für die Existenzberechtigung der Bundeswehr und deren Kriegseinsätze.


Was machen die so?

Bis 1975 oblag den Jugendoffizieren auch die Nachwuchswerbung. Diese beeinträchtigte jedoch ihr Image und die Zusammenarbeit mit den Kultusministerien der Länder, die sich Nachwuchswerbung an der Schule verbaten. Seitdem ist laut Bundeswehr „lediglich“ Auftrag der Jugendoffiziere, „in der Öffentlichkeit zu militärischen und sicherheitspolitischen Grundsatzfragen Stellung zu nehmen (…). Sie verdeutlichen den Sinn des Soldatseins in der heutigen Zeit und die Notwendigkeit der Bundeswehr im Rahmen des Bündnisses [NATO; UNO]. Damit sind sie im weitesten Sinne in der politischen Bildung tätig.“ (Der Mittlerbrief/Informationsdienst zur Sicherheitspolitik, 13. Jahrgang Nr. 2/2. Quartal 1998; S. 4). In den Vertreterjargon übersetzt, heißt das: Sie verkaufen den Staubsauger zwar nicht, erklären aber wie wichtig er ist, welche phantastischen Funktionen und Möglichkeiten er bietet und wo schon überall reine gemacht wird. Wer denkt da schon noch an Werbung?

Um ihrer Aufgabe gerecht zu werden, haben die Jugendoffiziere für jeden das richtige Angebot: Truppenbesuche für die Technikinteressierten, Podiumsdiskussionen für die Skeptiker, Vorträge für LehrerInnen, die ihre Stunden füllen wollen und Seminare für die ganz Politkwilden. Im Jahr 2001 erreichten sie in über 11.000 Veranstaltungen 302.206 Teilnehmer, davon 2/3 SchülerInnen und LehrerInnen.
Ein besonderes Schmankerl ist das allseits beliebte Interaktionsspiel Politik und Internationale Sicherheit (POL&IS – siehe Kasten auf Seite 14). Inhalt dieses Spiels ist die Simulation zwischenstaatlicher Beziehungen und Interessen. Die Teilnehmer schlüpfen dabei in die Rollen von Vertretern aus Regierung, Opposition, Wirtschaft und Militär verschiedener Regionen. Anhand von vorgegebenen Regeln und Datensätzen können die Teilnehmer bis zu einer Woche lang Politik spielen. Meist gibt der Jugendoffizier dabei den Spielleiter.
Das Spiel ist nicht entworfen worden, um neue Wege der Diplomatie zu erproben oder eine neue Weltordnung zu schaffen- im Gegenteil. Wirtschaftliche und politische Gegebenheiten und Bündniszwänge werden als zwingend und unveränderlich dargestellt. Dass am Ende des Spieles allen klar ist, dass die Bundeswehr für die Stabilität und das Ansehen Deutschlands unabdingbar ist, versteht sich von selbst.


Es war einmal vor langer Zeit

Seit 1958 gibt es die Vorzeigeoffiziere der Bundeswehr nun schon. Mit der Zeit hat sich ihr Einfluss auf zivile Einrichtungen wie Schulen, Vereine, Jugendorganisationen etc. intensiviert. Ihre Form der Öffentlichkeitsarbeit wird kaum noch kritisch hinterfragt. Das war nicht immer so. Die Schaffung der Institution Jugendoffizier erwuchs gerade aus der Ablehnung der Bundeswehr in der Bevölkerung. Die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges und der Aufbau der Bundeswehr mit ranghohen Wehrmachtsoffizieren führten zu einer allgemeinen Skepsis gegenüber der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik. Daraus erwuchsen der Bundeswehr massive Nachwuchsprobleme. Um der Bevölkerung das Bild einer demokratischen Bundeswehr zu vermitteln und gleichzeitig Wehrpflichtige und auch junge Freiwillige zu rekrutieren, bedurfte es der Jugendoffiziere.
Zumeist in politisch brisanten Zeiten gab es einen Sprung in der Anzahl der Jugendoffiziere. Ende der 60er Jahre kamen zu den 27 hauptamtlichen rund 700 nebenamtliche Jugendoffiziere hinzu. Rund 600 nebenamtliche Jugendunteroffiziere leisteten zudem Öffentlichkeitsarbeit für ihre Einheiten und Verbände. Mit der Aufkommen der Außerparlamentarischen Opposition in den 70ern stieg auch die Anzahl der Jugendoffiziere auf 56 an. Die Friedensbewegung der 80er veranlasste die Bundeswehr nochmals aufzustocken- auf 65. Um in den 90ern die neu angeschlossene Bevölkerung auf die alte „Feindesarmee“ einzuschwören, verlangte es nach weiteren 40 Jugendoffizieren.

Obwohl die Akzeptanz der Bundeswehr nach eigenen Aussagen höher denn je ist, verrichten heute 94 hauptamtliche und ca. 900 nebenamtliche Jugend- und Jugendunteroffiziere ihren Legitimationsdienst für die Armee. Insgesamt also ca. 1000 Mitglieder der Bundeswehr, deren Aufgabe ganz oder teilweise darin besteht, den Otto–Normal-Bürger und vor allem die Jugendlichen von der Außen- und Sicherheitspolitik der BRD zu überzeugen.
Damit haben sie mehr Erfolg als viele Politiker. Ein sympathischer, bür­ger­naher, schneidig aussehender junger Mann findet natürlich mehr Anklang als ein zugeknöpfter Anzugträger aus dem Fernsehen. Jedoch gehört das ganze Auftreten des Jugendoffiziers zur Werbestrategie der Bundeswehr.


Wer wird Jugendoffizier und wie?

Der Bundeswehr liegt ihre Außenwahrnehmung sehr am Herzen. Entsprechend streng sind die Auswahlkriterien für den Dienst als hauptamtlicher Jugendoffizier. Eine mindestens achtjährige Bundeswehrlaufbahn, die freiwillige Meldung zum Jugendoffiziersdienst, ein kontaktfreudiges Wesen, Redegewandtheit, und ein erfolgreich abgeschlossenes Studium sind Voraussetzungen, um überhaupt für den Dienst als Jugendoffizier in Betracht zu kommen. In seiner Person sollen Auftrag und Persönlichkeit eine Einheit bilden, um ein Höchstmaß an Authentizität zu erreichen. Fazit: seine Begeisterung ist echt, jedoch zweck­bestimmt!
Um der jungen Zielgruppe die Identifikation zu erleichtern, dürfen Jugendoffiziere bei Amtsantritt nicht älter als 34 sein. Nach zwei bis drei Jahren kehrt der Jugendoffizier dann in den Schoß der Bundeswehr zurück und hat meist eine glänzende Karriere vor sich.

Als Elitesoldaten weisen sie sich durch ihre bundeswehrkonforme Gesinnung, ihre Truppenerfahrung und ihr politisches Engagement aus.
Da die Jugendoffiziere die wichtigsten Voraussetzungen für ihre Arbeit bereits mitbringen, ist ihre Ausbildung vergleichsweise kurz – sechs Wochen.
Ihre Eignung müssen die angehenden Jugendoffiziere zuerst in einem dreiwöchigen Auswahllehrgang an der Akademie für Information und Kommunikation unter Beweis stellen. Danach folgt ein zweiwöchiger Intensivkurs. Dabei geht es um drei große Bereiche:

  • Rhetorik – d. h. es werden Verhaltens- und Argumentationsweisen gelehrt
  • Politische Bildung/Sicherheitspolitik – d. h. inhaltliche Schulung zu wichtigen und strittigen Bundeswehrthemen wie Kriegseinsätze, Bündnispolitik, Rechtsextremismus in der Bundeswehr, Frauen in der Bundeswehr etc.
  • Informationen über die Jugendlichen – d. h. Einstellungen der Jugendlichen, Verhaltensweisen, Interessen usw.

Nach einer einwöchigen Spielleiterausbildung für POL&IS und der Informationsreise zum großen Bruder in die USA ist der Jugendoffizier reif für seine Arbeit.

Dass die Rhetorikschulung einen großen Teil der Ausbildung einnimmt, versteht sich von selbst. In diesem Zusammenhang ist der frühere Ausbildungsort der Jugendoffizier von Interesse. Bevor dieser an die neu geschaffene „Akademie für Information und Kommunikation“ in Strausberg verlegt wurde, wurden die Lehrgänge an der Schule für „Psychologische Verteidigung“ (früher „Psychologische Kriegsführung“) in Euskirchen durchgeführt. Wie der Name schon besagt, wurde dort Psychologische Verteidigung (PSV) gelehrt, d. h. wie mache ich AntmiltaristInnen mit rhetorischen Tricks und Unterstellungen möglichst effizient mundtot. Die Bundeswehr hatte damals nicht nur ein Auge auf den äußeren (Sowjetunion), sondern auch den inneren Feind geworfen. Die Zeit des Kalten Krieges war geradezu eine Goldgrube für die Jugendoffiziere. Ihre Argumentation war so platt wie effektiv. Sie zielte darauf ab, Gegner der Bundeswehr zu diffamieren und/oder als Kommunisten zu „entlarven“.
Beim Schulnamen verfuhr die Bundeswehr nach dem Prinzip „Raider heißt jetzt Twix“ – neuer Name, dieselbe Aufgabe – die Bundeswehr als wichtigen Grundpfeiler der Demokratie zu verkaufen, Kriegseinsätze zu legitimieren und Kritik klein zu reden.

Neuerdings ist Jugendoffziers-Motto: „Radikale Gegner beeindrucken, Unentschlossene gewinnen, Befürworter positiv bestärken.“ Trotzdem lassen sich Jugendoffiziere nicht gern in die Enge treiben. Ist jemand partout nicht zu beeindrucken, werden immer noch Mittel der PSV angewandt. Die von den Jugendoffizieren verwandte Rhetorik ist vielleicht nicht so offensiv wie der Kommunismusverdacht, aber dennoch sehr wirksam. Wie subtil Bundeswehrgegner „im Dialog“ mundtot gemacht werden, ist unter anderem Thema der nächsten Kapitel.

 




Seite erstellt am: | last modified:


Redaktion: JungdemokratINNen/Junge Linke Berlin  |  Design und Administration: Webmaster
© 2003