3:Noten zu Staub

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Am 30. 1. 1998 fand auf dem Breitscheidplatz um 12.00 Uhr eine Zeugnisverbrennung statt.
Die Aktion wurde von uns, organisiert. Ca. 70 Schülerinnen und Schüler verbrannten Kopien von ihren Zeugnissen, um somit auf die Ungerechtigkeit und die Funktion von Noten aufmerksam zu machen.
 
Die Aktion schloß sich damit der Tradition, autoritäre Papiere zu verbrennen, an. Beispiele dafür sind die Verbrennungen von Wehrmachtsausweisen in den 50er Jahren aus Protest gegen die Wiederbewaffnung der Bundeswehr, von Volkszählungsbögen 1986/87, von Spezialausweisen für Nichtweiße in Südafrika nach der Unabhängigkeit und von Einberufungsbescheiden 1990 gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Berlin.

Bereits vor einiger Zeit forderte die GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) die Abschaffung der Halbjahreszeugnisse und Ersetzung der Noten durch verbale Beurteilungen.
Die LiSA geht aber noch einen Schritt weiter:

Wir fordern die Abschaffung jeglicher Art von Bewertung in der Schule!

Diese Bewertungen entscheiden, wer später in welchen Bereichen der Gesellschaft eine Chance eingeräumt bekommt und wer nicht. Bei der Bewerbung um einen Ausbildungs- oder Studienplatz entscheiden Schulabschluß und Notendurchschnitt. In dieser Gesellschaft gibt es unterschiedlich entlohnte und anerkannte Arbeitsbereiche. Die Schule hat die brutale Aufgabe, die Lebenschancen vorzusortieren. Eine Schule, in der alle Schülerinnen und Schüler gefördert werden, ist gar nicht erwünscht.

Um die Interessen, Wünsche und Bedürfnisse der Lernenden geht es nicht. Der Unterrichtsstoff soll geschluckt und bei der nächsten Arbeit ordentlich wiedergegeben werden.
Das wird dann mit guten oder schlechten Noten belohnt. Angeblich zeigen sie den Schülerinnen und Schülern, wie und ob sie den Stoff verstanden haben. Durch den Druck, eine gute Note bekommen zu müssen, geht es nicht darum, das vermittelte Wissen zu verstehen, sondern zu pauken und wiederaufzuschreiben. Was danach passiert, ist egal - Hauptsache, die Eins steht auf dem Zeugnis. Und Schülerinnen und Schüler, die eine Sechs haben, bekommen den Stoff nicht etwa neu erklärt; sie können höchstens beim nächsten Mal versuchen, den "Patzer" wieder auszubügeln. Noten fördern nicht das Verständnis für den Lerngegenstand, sondern das Lernen für das Kurzzeitgedächtnis. Es wird immer nur für den nächsten Test oder die nächste Arbeit gelernt.
Auch ungleiche Ausgangsbedingungen werden nicht berücksichtigt. Wer z.B. kein eigenes Zimmer hat oder nach der Schule im Haushalt helfen muß, hat es schwer. Auch wer die Sprache nicht oder nicht so gut kann, fällt hinten runter. Trotzdem ist der Gradmesser bei der Notengebung der gleiche.
Daß Noten nur scheinbar objektiv sind, kommt noch hinzu. Sie sind abhängig von denen, die sie geben. Auch Lehrerinnen und Lehrer sind nur Menschen mit Vorlieben und Abneigungen gegenüber bestimmten Schülerinnen und Schülern und lassen diese unbewußt oder auch absichtlich in ihre Noten einfließen.

Noten sichern die Autorität der Lehrerinnen und Lehrer und dienen ihnen oft als Disziplinierungsmittel. Dieses Machtverhältnis wird durch den scheinbar objektiven Charakter der Noten vertuscht, verliert dadurch aber keinesfalls seine Wirkung. Noten sichern die schulische Hierarchie ab.

Die Zeugnisverbrennung war der erste Schritt, sich dagegen zu wehren: Nicht nur gegen Ungerechtigkeit, verschärfte Auslese und die anderen Schweinereien, sondern auch gegen eine "Gerechtigkeit", die für den Großteil der Schülerinnen und Schüler ein Leben in Konkurrenz und ungewollter Maloche bereithält.

Kritisiert man Noten, wird einem häufig die Forderung entgegengehalten, man solle doch Alternativen zur Benotung aufzeigen. Noten existieren aber nicht im luftleeren Raum und Schule ist keine von der Gesellschaft abgeschlossene Einheit - durch sie soll die für unsere gesamte Gesellschaft grundlegende Praxis von Leistung und Zwang verinnerlicht und vermittelt werden. Schülerinnen und Schüler lernen etwas zu tun, dessen Sinn sie nicht einsehen und dessen Inhalt uninteressant ist. Bestehende Herrschaftsverhältnisse werden so aufrecht erhalten und Kritik daran verhindert. Noten, ob in Form von Zahlen oder "Worturteilen", als notwendig zu bezeichnen, heißt, Leistungsdruck, Konkurrenz und Ausbeutung als selbstverständlich zu akzeptieren und zu unterstützen.

Dabei ist Lernen auch anders möglich! Natürlich nicht innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen. Deshalb heißt Noten abschaffen: Gesellschaft verändern!
Uns würde vieles einfallen, Lernen anders zu organisieren: fächerübergreifend, nach den Interessen der Schülerinnen und Schüler, ohne Noten (auch nicht verkappt als Lernberichte), ohne Streß, Angst und Auslese.
Was man in der Schule lernt, mag "abgehoben", "uninteressant" oder "lebensfremd" sein. Wie man lernt, ist aber verdammt nah am Leben: Konkurrenz, Auslese, Zeitdisziplin und das Abarbeiten vorgeschriebener Tätigkeiten und Inhalte. Eine Schule, in der Lernen und Leben selbstbestimmt und ohne Zwang möglich ist, braucht überhaupt keine Noten mehr!

Irene Poczka und Viviane Flügge

 

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Seite erstellt am: 01.07.98 | last modified:


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