8:Vertreibung

von DrogengebraucherInnen

      

Seit einiger Zeit wird, während in der strafrechtlichen Debatte die Zeichen eher auf Liberalisierung stehen und in bestimmten Bundesländern der Besitz von bestimmten Mengen Cannabis oder Heroin nicht mehr verfolgt wird, Drogenpolitik immer repressiver. Die Polizei führt, um die offene Drogenszene zu zerschlagen, immer öfter Kontrollen und Festnahmen an Plätzen durch, auf denen sich größere Gruppen von Junkies regelmäßig aufhalten. Diese Plätze sind zum großen Teil als "gefährliche Orte" ausgewiesen, wo die Polizei ohne Begründung kontrollieren kann.

Nach dem verbreiteten rassistischen Bild vom Ausländer als Drogendealer geht die Polizei, wenn sie Razzien auf Dealer macht, gezielt gegen schwarze Menschen vor. Diese müssen ihre Pässe kontrollieren lassen und werden nicht selten festgenommen und erkennungsdienstlich behandelt. Hierbei wird mit den Bedrohungsszenarien in der Bevölkerung   "Ausländer gleich Dealer" gespielt. Es wird bestätigt und produziert. Denn wenn zielgerichtet unter AusländerInnen nach DrogendealerInnen gesucht wird, dann wird man dort auch welche finden, auch wenn die meisten Delikte, die bei diesen Kontrollen registriert werden, aufenthaltsrechtliche Delikte sind, also Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten, die Deutsche gar nicht begehen können. Und so wird weiter die Gefahr des ausländischen Drogendealers suggeriert, des Fremden, der unsere Jugend bedroht und sie verführt.

Mit diesen Gefahrenszenarien, die der Bevölkerung suggeriert werden, kann dann auch eine Vertreibungspolitik, wie sie am Bahnhof Zoo oder auf dem Breitscheidplatz stattfindet, leicht legitimiert werden. Außerdem sieht es an diesen Plätzen, wo sich Berlin schön macht, ja auch nicht gut aus, wenn Leute fixen.DrogengebraucherInnen werden immer wieder von den Orten vertrieben, an denen sie sich üblicherweise aufhalten. Die Polizei spricht Platzverweise aus und der Aufenthalt ist für den Betreffenden verboten. Diese Plätze haben aber gerade für DrogengebraucherInnen einen besonders hohen Stellenwert, da sie für sie die wenigen übriggebliebenen Orte der Kommunikation darstellen; neben dem Problem, beim Stammdealer an den Stoff zu kommen, nun auch noch größere soziale Isolierung droht. Um auch ganz sicher zu sein, daß die Junkies für eine Weile weg sind, nimmt die Polizei in letzter Zeit öfter DrogengebraucherInnen in "Verbringungsgewahrsam". Es genügt schon das Finden einer gebrauchten Spritze, und die Polizei verbringt die Leute an die Stadtgrenze. Zudem sorgen Polizeispitzel vermehrt für eine Entsolidarisierung in der Szene. Und die "Kleine Kronzeugenregelung" (Straffreiheit für Denunziation) macht die Junkies zusätzlich erpressbar. Der Kriminalisierungsdruck wird also weiter verschärft und damit auch das Gesundheits- und Todesrisiko, daß aus der Kriminalisierung durch v.a. soziale und gesundheitliche Verelendung, AIDS-Ansteckung durch benutzte Spritzen und unkontrollierbaren Stoff erwächst.

Zudem wird durch die Polizeikontrollen auch die Arbeit der wenigen Hilfeangebote für Junkies erschwert. Und damit natürlich auch das Leben der Junkies. Zum einen werden Beratungs- und Hilfeanlaufpunkte, wie am Bahnhof Zoo, aus dem Blickfeld gedrängt, da der saubere Bahnhof dort keinen Anziehungspunkt für imageschädigende Junkies haben will, zum anderen wird es den Junkies erschwert, die Hilfsangebote wahrzunehmen, wenn sie wegen ständiger Polizeipräsenz fürchten müssen, bspw. indem Sie sich dem Beratungsbus nähern, als Junkies erkannt und vertrieben zu werden. Ein menschenwürdiges Leben für Junkies ist in dieser Stadt nicht vorgesehen.

 

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Seite erstellt am: 12.06.98 | last modified:


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