blatt: Welche Ziele
hatte die Anti-Olympiabewegung?
Judith Demba: Oberstes Ziel war natürlich, die Austragung der
Olympischen Spiele im Jahr 2000 in Berlin zu verhindern. Die Motivationen innerhalb der
Anti-Olympiabewegung haben von grundsätzlicher Ablehnung Olympischer Spiele überhaupt
bis hin zum Bewahrenwollen von Naturschutzgebieten wie der Morellenschlucht, die durch
Olympiabauten zerstört worden wäre, gereicht.Es hat sich als sehr positiv erwiesen, daß
wir trotz dieser Unterschiedlichkeit eine gemeinsame Basis gefunden haben. Ebenfalls als
sehr erfolgreich hat sich erwiesen, daß wir eine Doppelstrategie gefahren haben, d.h.
einerseits wandten wir uns an die Berlinerinnen und Berliner und haben sie über die
Olympiaplanung und Ihre Folgen aufgeklärt und so versucht auf die Stimmung und auf die
Politik in der Stadt Einfluß zu nehmen. Andererseits wandten wir uns an das IOC und
machten den Entscheidern klar, daß sie bzw. ihre Veranstaltung hier nicht gewollt werden,
sie nicht bejubelt und wie Könige empfangen werden. Diese Doppelstrategie wurde
natürlich nicht von allen gleichzeitig verfolgt, sondern Initiativen wie auch
Einzelpersonen ordneten sich individuell - ob sie sich nun an das IOC wandten der in
Berlin agierten - in die Bewegung ein.
Welche Entwicklungen drohten für Berlin bei einer
erfolgreichen
Olympiabewerbung?
Die Olympischen Spiele wären eine absolute finanzielle Überforderung für Berlin
gewesen. Es hätte bedeutet, daß auf Jahre hinaus die Investitions- und
Ausgabeprioritäten auf Olympia festgelegt worden wären und damit das ohnehin knappe
Geld, statt zum Beispiel für soziale Projekte, für das olympische Großereignis verwandt
worden wäre. Außerdem wäre natürlich auch die städtebauliche Entwicklung der Stadt
von den für die Olympischen Spiele notwendigen Prestigebauten dominiert worden. In
anderen Olympia-Städten war zu sehen, wie durch die Spiele eine deutliche
Umstrukturierung stattgefunden hat. In Barcelona zum Beispiel wurde die angestammte
Wohnbevölkerung aus den Innenstadtbereichen an den Rand der Stadt verdrängt. Die Mieten
sind gestiegen und ehemalige Wohnquartiere wurden zu Dienstleistungs- und Shoppingzentren
umgebaut. Ein solcher Umstrukturierungsprozeß wäre mit Olympia in Berlin sicherlich
beschleunigt worden. Niemand kann in Abrede stellen, daß wir jetzt in Berlin ähnliche
Entwicklungen haben, aber Olympia wäre sicherlich ein Katalysator gewesen. Und dies
sollte es ja auch nach Willen des Senates sein, der mit Olympia sein Konzept eines Berlins
als internationale Dienstleistungsmetropole durchsetzen wollte.
Du hast es eben schon angedeutet: Die
Olympiabewerbung ist zwar gescheitert, aber die Prioritäten in der Stadtentwicklung haben
sich nicht geändert.
Das Festhalten an der Olympiabewerbung trotz deren relativ früh erkennbarer
Aussichtslosigkeit selbst ist ja schon ein Ausdruck für eine klare Strategie in der
Stadtentwicklung, die von der Regierung verfolgt wird. Ich meine damit die eben schon
angesprochene Entwicklung zu einer Dienstleistungsmetropole, die Ausrichtung der
Citybereiche auf shopping oder auf Hauptstadt- und Repräsentationsfunktionen und damit
natürlich auch die Reservierung der City für bestimmte Bevölkerungsgruppen. Am besten
kann man wohl am Potsdamer Platz erkennen, wie Berlins Zukunft aussieht. Mit gewachsenen
urbanen Strukturen hat diese Entwicklung nur sehr wenig zu tun.
Dies zeigt natürlich auch, worauf bei der Entwicklung Berlins gesetzt wird:
Entwicklungsfaktoren wie Wissenschaft, Kultur, kulturelle Vielfalt, Bildung werden immer
mehr abgebaut und auf der anderen Seite versucht man, koste es was es wolle, moderne und
hochwertige Dienstleistungen nach Berlin zu holen. Da es aber nicht so viele potentielle
Investoren gibt, ist Berlin bereit, alle erdenklichen Zugeständnisse zu machen.Die
Bedingungen für die hier Lebenden verändern sich dadurch natürlich erheblich und Ihre
Interessen sind für die Stadtentwicklung immer weniger relevant.
Du hast eine Entwicklung beschrieben, für die
Olympia besonders stand - eine Orientierung auf Faktoren, die gerade nicht Ausdruck der
Interessen der Leute, die hier leben, sind. Nun existiert im Moment eine
Entwicklung, wo ganz vehement versucht wird, über Ansiedlungspolitik -aber auch durch
Ordnungspolitik- es hier in der Stadt angenehm zu machen und zwar v.a. für Leute, die
noch gar nicht hier sind, die man aber gerne hier haben würde. Und im Gegensatz zur Zeit
der Olympiabewerbung, wo es eine relativ breite Beschäftigung mit dem Thema Olympia und
eine mehrheitliche Ablehnung der Bewerbung in der Bevölkerung gab, stößt die Politik,
die heute dominant ist - auch in ihren konkreten Auswirkungen - auf relativ wenig
Widerstand. Woran, glaubst Du, liegt das? Oder kann man diese Entwicklungen so nicht
vergleichen?
Also erst einmal: man kann diese Entwicklungen vergleichen. Und ich
glaube auch für das neue Großprojekt "Regierungsumzug" ist die Akzeptanz so
groß nicht. Aber es sind eben ganz unterschiedliche, einzelne Sachen, die auf Ablehnung
stoßen. Was es nicht gibt, ist der Kristallisationspunkt, an dem sich so eine
Bewegung festmachen kann. Bei Olympia wußte man, worum es geht. Man wußte, bis wann die
Entscheidung gefallen sein sollte und daher hatte die Dynamik der Bewegung auch zeitlich
ein genau bestimmbares Ziel. Beim Regierungsumzug ist es ja so, daß sich das immer wieder
zerfasert und an ganz verschiedenen Stellen in der Stadt deutlich macht. Die
Entscheidungsprozesse sind unübersichtlicher. Daher sind die Auswirkungen für viele
überhaupt nicht klar. Und wenn, dann nur in ganz unmittelbarer Nähe zu den
Regierungsbauten, wie etwa in Mitte. Eine Reihe von Leuten, die damals wegen der
finanziellen Überforderung der Stadt gegen die Olympiabewerbung waren, verbinden heute
mit dem Regierungsumzug eine Hoffnung darauf, daß Arbeitsplätze und Geld in die Stadt
kommen, auch wenn ich die Hoffnung nicht für berechtigt halte.
Das Interview führte
Steffen Zilich
Judith Demba
ist Mitglied der Fraktion Bündnis90/Grüne im Abgeordnetenhaus von Berlin. Sie war
prominente Vertreterin der Berliner Anti-Olympia-Koordination (AOK). Die AOK war das
Koordinationsgremium für die Kampagne gegen die Bewerbung Berlins für die Austragung der
Olympischen Sommerspiele im Jahr 2000.
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