3:Katalysator

für den Umstrukturierungsprozeß

      

Interview mit
Judith Demba über die Anti-Olympia-Bewegung

      

blatt: Welche Ziele hatte die Anti-Olympiabewegung?

Judith Demba: Oberstes Ziel war natürlich, die Austragung der Olympischen Spiele im Jahr 2000 in Berlin zu verhindern. Die Motivationen innerhalb der Anti-Olympiabewegung haben von grundsätzlicher Ablehnung Olympischer Spiele überhaupt bis hin zum Bewahrenwollen von Naturschutzgebieten wie der Morellenschlucht, die durch Olympiabauten zerstört worden wäre, gereicht.Es hat sich als sehr positiv erwiesen, daß wir trotz dieser Unterschiedlichkeit eine gemeinsame Basis gefunden haben. Ebenfalls als sehr erfolgreich hat sich erwiesen, daß wir eine Doppelstrategie gefahren haben, d.h. einerseits wandten wir uns an die Berlinerinnen und Berliner und haben sie über die Olympiaplanung und Ihre Folgen aufgeklärt und so versucht auf die Stimmung und auf die Politik in der Stadt Einfluß zu nehmen. Andererseits wandten wir uns  an das IOC und machten den Entscheidern klar, daß sie bzw. ihre Veranstaltung hier nicht gewollt werden, sie nicht bejubelt und wie Könige empfangen werden. Diese Doppelstrategie wurde natürlich nicht von allen gleichzeitig verfolgt, sondern Initiativen wie auch Einzelpersonen ordneten sich individuell - ob sie sich nun an das IOC wandten der in Berlin agierten - in die Bewegung ein.

Welche Entwicklungen drohten für Berlin bei einer erfolgreichen Olympiabewerbung?

Die Olympischen Spiele wären eine absolute finanzielle Überforderung für Berlin gewesen. Es hätte bedeutet, daß auf Jahre hinaus die Investitions- und Ausgabeprioritäten auf Olympia festgelegt worden wären und damit das ohnehin knappe Geld, statt zum Beispiel für soziale Projekte, für das olympische Großereignis verwandt worden wäre. Außerdem wäre natürlich auch die städtebauliche Entwicklung der Stadt von den für die Olympischen Spiele notwendigen Prestigebauten dominiert worden. In anderen Olympia-Städten war zu sehen, wie durch die Spiele eine deutliche Umstrukturierung stattgefunden hat. In Barcelona zum Beispiel wurde die angestammte Wohnbevölkerung aus den Innenstadtbereichen an den Rand der Stadt verdrängt. Die Mieten sind gestiegen und ehemalige Wohnquartiere wurden zu Dienstleistungs- und Shoppingzentren umgebaut. Ein solcher Umstrukturierungsprozeß wäre mit Olympia in Berlin sicherlich beschleunigt worden. Niemand kann in Abrede stellen, daß wir jetzt in Berlin ähnliche Entwicklungen haben, aber Olympia wäre sicherlich ein Katalysator gewesen. Und dies sollte es ja auch nach Willen des Senates sein, der mit Olympia sein Konzept eines Berlins als internationale Dienstleistungsmetropole durchsetzen wollte.

Du hast es eben schon angedeutet: Die Olympiabewerbung ist zwar gescheitert, aber die Prioritäten in der Stadtentwicklung haben sich nicht geändert.

Das Festhalten an der Olympiabewerbung trotz deren relativ früh erkennbarer Aussichtslosigkeit selbst ist ja schon ein Ausdruck für eine klare Strategie in der Stadtentwicklung, die von der Regierung verfolgt wird. Ich meine damit die eben schon angesprochene Entwicklung zu einer Dienstleistungsmetropole, die Ausrichtung der Citybereiche auf shopping oder auf Hauptstadt- und Repräsentationsfunktionen und damit natürlich auch die Reservierung der City für bestimmte Bevölkerungsgruppen. Am besten kann man wohl am Potsdamer Platz erkennen, wie Berlins Zukunft aussieht. Mit gewachsenen urbanen Strukturen hat diese Entwicklung nur sehr wenig zu tun.
Dies zeigt natürlich auch, worauf bei der Entwicklung Berlins gesetzt wird: Entwicklungsfaktoren wie Wissenschaft, Kultur, kulturelle Vielfalt, Bildung werden immer mehr abgebaut und auf der anderen Seite versucht man, koste es was es wolle, moderne und hochwertige Dienstleistungen nach Berlin zu holen. Da es aber nicht so viele potentielle Investoren gibt, ist Berlin bereit, alle erdenklichen Zugeständnisse zu machen.Die Bedingungen für die hier Lebenden verändern sich dadurch natürlich erheblich und Ihre Interessen sind für die Stadtentwicklung immer weniger relevant.


Du hast eine Entwicklung beschrieben, für die Olympia besonders stand - eine Orientierung auf Faktoren, die gerade nicht Ausdruck der Interessen der Leute, die hier leben, sind.  Nun existiert im Moment eine Entwicklung, wo ganz vehement versucht wird, über Ansiedlungspolitik -aber auch durch Ordnungspolitik- es hier in der Stadt angenehm zu machen und zwar v.a. für Leute, die noch gar nicht hier sind, die man aber gerne hier haben würde. Und im Gegensatz zur Zeit der Olympiabewerbung, wo es eine relativ breite Beschäftigung mit dem Thema Olympia und eine mehrheitliche Ablehnung der Bewerbung in der Bevölkerung gab, stößt die Politik, die heute dominant ist - auch in ihren konkreten Auswirkungen - auf relativ wenig Widerstand.  Woran, glaubst Du, liegt das? Oder kann man diese Entwicklungen so nicht vergleichen?

Also erst einmal: man kann diese Entwicklungen vergleichen. Und ich glaube auch für das neue Großprojekt "Regierungsumzug" ist die Akzeptanz so groß nicht. Aber es sind eben ganz unterschiedliche, einzelne Sachen, die auf Ablehnung stoßen. Was es nicht gibt, ist  der Kristallisationspunkt, an dem sich so eine Bewegung festmachen kann. Bei Olympia wußte man, worum es geht. Man wußte, bis wann die Entscheidung gefallen sein sollte und daher hatte die Dynamik der Bewegung auch zeitlich ein genau bestimmbares Ziel. Beim Regierungsumzug ist es ja so, daß sich das immer wieder zerfasert und an ganz verschiedenen Stellen in der Stadt deutlich macht. Die Entscheidungsprozesse sind unübersichtlicher. Daher sind die Auswirkungen für viele überhaupt nicht klar. Und wenn, dann nur in ganz unmittelbarer Nähe zu den Regierungsbauten, wie etwa in Mitte. Eine Reihe von Leuten, die damals wegen der finanziellen Überforderung der Stadt gegen die Olympiabewerbung waren, verbinden heute mit dem Regierungsumzug eine Hoffnung darauf, daß Arbeitsplätze und Geld in die Stadt kommen, auch wenn ich die Hoffnung nicht für berechtigt halte.

Das Interview führte
Steffen Zilich

Judith Demba
ist Mitglied der Fraktion Bündnis90/Grüne im Abgeordnetenhaus von Berlin. Sie war prominente Vertreterin der Berliner Anti-Olympia-Koordination (AOK). Die AOK war das Koordinationsgremium für die Kampagne gegen die Bewerbung Berlins für die Austragung der Olympischen Sommerspiele im Jahr 2000.

 

Zurück  |  Inhaltsverzeichnis   |  Vorwärts






Seite erstellt am: 12.06.98 | last modified:


Redaktion: JungdemokratINNen/Junge Linke Berlin |  Design und Administration: Alexander Weiß
© 1999