1:Global City |
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1:Schöne neue Großstadtwelt |
Nach der deutschen "Vereinigung", spätestens aber seit der
Hauptstadtentscheidung hat speziell in Berlin ein neues Selbstwertgefühl Einzug gehalten.
Nun wähnt man sich bereits wieder im Kreise der großen europäischen Metropolen wie London, Paris oder Rom. Mit dem
Begriff "Metropole" aber verknüpfen sich dann alsbald Begriffe wie
"Visitenkarte Deutschlands" (Helmut Kohl). Entsprechend werden postwendend
Ansprüche an die innere Sicherheit gestellt, die bei fast allen Politikern in
Forderungen repressiver Art münden. Der städtische soziale Wandel wird somit noch
verstärkt und beschleunigt, plötzlich ist es möglich, ganze Gruppen auszuschließen.
"Sicherheitspartnerschaft"Rhetorisch gibt man dies natürlich nicht zu. So will man dem Bürger weismachen, der neue Bundestag habe ein Selbstverständnis als bürgernahes Parlament. In ihm sollten sich "alle" Bürger wiederfinden, die Parlaments- und Regierungsnutzungen würden deshalb keine Monostrukturen haben, sondern sich in die Mitte der Stadt integrieren. Genauer betrachtet, gestaltet sich die Sache jedoch gänzlich anders. So soll beispielsweise im Regierungsviertel eine spezielle "Regierungswache" entstehen, die für die vorgeblich "speziellen Sicherheitsbelange" der Ministerien zuständig sein wird. Darunter versteht man dann (jedenfalls der Vorsitzende der Berliner Polizeigewerkschaft, E. Schönberg) die "Koordination und Betreuung von Demonstrationen". Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, hat doch erst kürzlich das eskalierende Verhalten der Polizei bei den 1.-Mai-Veranstaltungen den wahren Charakter einer solchen "Partnerschaft" demonstriert. Neben politischen spielen natürlich auch wirtschaftliche Aspekte eine wichtige Rolle. In der neuen Bebauung des Potsdamer Platzes "sollen sich die Anspüche für die Zukunft der vereinigten Stadt und ihr neues wirtschaftliches Selbstverständnis beispielhaft verdichten", wie es in der Senatsbroschüre "Hauptstadt im Werden" heißt. Von "Bürgernähe" also keine Spur."Hauptstadt im Werden"Um dem neuen maßgeschneiderten Wunsch-Berlin nicht mit lauter arbeitsaufwendigen kleinteiligen Planungen entgegenkommen zu müssen, zimmerte man sich alsbald einen sogenannten "Masterplan" zusammen, der all dies in einem Aufwasch erledigt. Unter dem Motto "Urbanität ist Dichte" entwarfen die Stadtplaner ganze Teile vor allem des Berliner Ostens neu, ohne die konstruktive Kritik von Bürgervertretungen, Parteien oder den Medien auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Die Planungen sind eine Flucht in den vormodernen Stadtgrundriß, durch die "kritische Rekonstruktion" soll das historische kleinparzellige Stadtbild wiederentstehen. Die stadtplanerischen Gegebenheiten aus Vorwendezeiten bleiben dabei völlig unberücksichtigt. Vielmehr wird den betroffenen Anwohnern unterstellt, der zugige Osten könne ihnen keine Lebensqualität bieten. Man sehnt sich nach alten, geordneten Zeiten zurück und übersieht dabei die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen. So weist das neue Stadtbild einen Stadtkern auf, der allein den Konsumtempeln und den spekulativen Bürobauten der internationalen Konzerne vorbehalten ist (Potsdamer Platz, Friedrichstraße), umgeben von klar abgegrenzten Zonen, in denen das Klientel der Konsumgesellschaft wohnt. Zunehmend davon getrennt werden die Betonvorstädte, in welche die unbrauchbaren und gefährlichen Schichten entsorgt werden. Der neugeschaffene innerstädtische Raum muß natürlich für seine Zielgruppe geschützt werden, er ist deshalb gekennzeichnet durch wachsende Kontrolle, Disziplinierung und Reglementierung. Die in den USA schon länger zu beobachtende "Privatisierung des öffentlichen Raums" ist neuerdings auch in bundesdeutschen Großstädten verstärkt festzustellen. Private Sicherheitsdienste treten an die Stelle der staatlichen Ordnungsmacht. Die verstärkte Einflußnahme privater Interessengruppen auf die Gestaltung und Kontrolle öffentlicher Räume führt zu einem Rückzug staatlicher Politik aus diesem Feld. Kommunale Politik versteht sich immer weniger als Korrektiv zu den destruktiven Tendenzen ungebremster Marktwirtschaft, sondern vielmehr als deren Exekution.
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Seite erstellt am: 12.06.98 | last modified: |
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