3:Zurück zur Mädchenschule?!

 

Die Koedukation, gemeinsame Erziehung von Mädchen und Jungen, wurde im Zuge der 68iger ins Leben gerufen. Die Idee dieser neuen Schulform begründete sich darauf, Mädchen und Jungen gleichermaßen zu fördern und bestehende Rollenklischees anhand dieser Schulstruktur abzubauen und letztendlich ganz aufzulösen. Heute, fast 30 Jahre nach der Einführung der Koedukation, kommen erhebliche Zweifel auf, was die Verwirklichung dieser Idee angeht. Die Zweifel entstanden während mehrerer weltweit durchgeführter Studien, die sich mit dem Verhalten von SchülerInnen und LehreInnen in koedukativem Unterricht befassen. Die amerikanische Schulforscherin Michelle Stanworth zum Beispiel bat einen Lehrer, die SchülerInnen seiner Klasse zu beschreiben. Er beschrieb zuerst ausführlich die Jungen, indem er Fähigkeiten und Interessen der einzelnen schilderte. Er beendete seinen Bericht mit dem Satz: „Der Rest sind Mädchen.“ Ähnliche Ergebnisse machte auch die englische Bildungsforscherin Dale Spender, die an mehreren Oberschulen Untersuchungen anstellte. Auch viele LehrerInnen machten die Erfahrung, daß Mädchen im Unterrichtsgeschehen weniger wahrgenommen werden als Jungen. Die Erwartungshaltung der LehrerInnen prägt das Verhalten der Mädchen und Jungen.

Damit werden die Rollenbilder weiter gefestigt, die schon ab kurz nach der Geburt vermittelt wurden. Die LehrerInnen festigen die Rollenbilder, die schon seit frühster Kindheit in die Köpfe der Kinder indoktriniert werden, indem sie entsprechende Erwartungshaltungen gegenüber den SchülerInnen einnehmen. Mädchen sind: brav , ordentlich, fleißig, bescheiden, still, ruhig, zurückhaltend, schüchtern, ängstlich, schwach, lieb , hilfsbereit, hilfsbedürftig, sauber, pünktlich. Jungen sind: übermütig, aggressiv, laut, neugierig, frech, störend, vorlaut, kreativ, unordentlich, wissbegierig, dreckig, intelligent, unaufmerksam, abgelenkt, begabt, interessiert, geschickt, einfallsreich. So sind sie halt und so haben sie zu sein. Diese Rollenbilder werden in Form von Bemerkungen oder ungleicher Behandlung, verschiedenen Anforderungen oder andere Erwartungen durch die LehrerInnen vermittelt. Da dies unbewusst geschieht, kann mensch es auch zu den geheimen Lehrplan zählen, durch welchen auch andere moralische Werte in die Köpfe der SchülerInnen geschleust werden. Doch auch durch den reellen Lehrplan und auch das Lehrmaterial werden Rollenklischees vermittelt. Wer sich mal sein Englischbuch anguckt, wird stets die Mutter am Herd und den Vater beim Bauen finden und nicht umgekert. Wie oft wird im Deutschunterricht fast ausschließlich Literatur von männlichen Autoren behandelt, ganz zu schweigen davon, daß die Erwähnung weiblicher PhysikerInnen, MathematikerInnen oder ChemikerInnen in den Naturwissenschaftlichen Fächern gänzlich ausbleibt. Die Vorausgegangene ungleiche Prägung wird jedoch bei der Bewertung nicht berücksichtigt. Mädchen, die sich also nach allgemeiner Erwartung ruhig und still verhalten, bekommen dann eine schlechte Mitarbeitsnote. Gute Noten werden bei Jungen durch Intelligenz begründet, bei Mädchen durch Fleiß. Doch dieser Fleiß wird nicht gelobt, sondern als selbstverständlich hingenommen. Obwohl seit den 60iger Jahren sich die Anteile von Schülerinnen an Oberschulen, von 41,1 % auf mindestens 50%, und auch in der Oberstufe, von 36,6 % auf ebenfalls mindestens 50%, vergrößert haben, kann mensch beispielsweise an der Berufswahl oder an der Wahl des Studiengags der SchulabgängerInnen erkennen, welchen Einfluss die Anpassung an das Rollenbild auf das spätere Leben der SchülerInnen hat.

Statistiken an Universitäten und Oberstufenzentren ergaben, daß fast 80 % der Mädchen sich für Berufe wie Friseuse, Floristin, Pferdewirtin, Schneiderin usw. bewarben und auch die Jungen beschränkten sich vorwiegend auf die Ausbildungsplätze Tischler, Maurer, Kfz-Mechaniker usw. In den Studiengängen stellte man einen verhältnismäßig kleinen Teil an Studentinnen im Technischen und Naturwissenschaftlichen Bereich fest. Wobei Biologie da eine kleine Ausnahme macht. Andere Forschungen bewiesen, daß der Teil an Mädchen, der sich doch für Technische Studiengänge eingeschrieben hatten, von reinen Mädchenschulen kamen. Auffällig ist auch, daß es zwar über 50 Prozent der StudentInnen weiblich sind, aber nur 3% der ProfessorInnen darstellen. Dies gilt aber auch für andere Berufe und für die Politik. Der Versuch Mädchen und Jungen eine gleichberechtigte Schulerziehung zu ermöglichen ist also gescheitert ?

Aus der Diskussion darüber, entwickelten sich mehrere Alternativen, wie mensch das Ziel der Gleichberechtigung auf anderem Wege zu erreichen könne. Die Überlegungen gingen über die Einführung eines pädagogischen Konzeptes, das zukünftig den koedukativen Unterricht begleiten sollte. Außerdem wurde in Berlin ein Schulversuch durchgeführt, der die zeitweiligen Trennung von Mädchen und Jungen in naturwissenschaftlichen Fächern beinhaltet. Leider verlief auch dieser Schulversuch ohne großartige pädagogische Konzeption. Weiterhin steht also nach diesem Schulversuch die Forderung aufrecht, zeitweilige Trennung von SchülerInnen zusätzlich zu dieser Konzeption an Schulen zu ermöglichen. Dies soll dazu dienen, Mädchen ein stärkeres Selbstbewusstsein zu vermitteln. Laut Schulgesetz soll nicht - koedukativer Unterricht nur im besonderen Fall ermöglicht werden, die Entscheidung fällt in diesem Fall die Gesamtkonferenz. Andererseits besteht auch der Wunsch danach, keine weitere Unterscheidung zu machen, sondern die Rollenbilder beider Geschlechter konsequent abzubauen. Es wird bei der Teiltrennung die Gefahr gesehen, daß sich, wie schon bei dem Schulversuch als auch bei dem schon immer getrennten Sportunterricht das Unterrichtsfach je nach Jungen- oder Mädchenklasse differenziert, also eher zu einem geschlechtspezifischem Unterricht wird, anstatt die Rollenklischees abzubauen. Es sollte in Zukunft der Unterricht so gestaltet werden können, daß die Interessen von Jungen und Mädchen gleichermaßen berücksichtigt würden und keine Trennung mehr notwendig mache. Eines sei aber sicher, unabhängig von dieser Diskussion; eine Gleichberechtigung beider Geschlechter im Sinne einer Auflösung der Rollenklischees kann nicht alleine durch die Umstrukturierung der Schule erreicht werden, sondern ist unbedingt mit einer gesellschaftlichen Veränderung verbunden.

Irene & Anna



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Seite erstellt am: 08.07.99 | last modified:


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