Flugblatt |
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Mit der anstehenden Grundgesetzänderung, die den Großen Lauschangriff
ermöglichen soll, droht erneut wie schon beim Asylrecht die faktische
Abschaffung eines Grundrechtes unter tatkräftiger Mithilfe der SPD. Mit dem
Schily-Kompromiß wird ein individuelles Abwehrrecht zur Begre!nzung staatlicher Gewalt in
eine nahezu grenzenlose Ermächtigung der Polizei zu Überwachung und Kontrolle der
Bürgerinnen und Bürger umgewandelt. Keineswegs sind nur die vermeintlichen
"organisierten Verbrecher" und "OK-Gangster" betroffen, wie uns die
Propaganda der Befürworter glauben machen will. Auf der Grundlage Abgehört werden nicht nur die Wohnung des Beschuldigten sowie seines Bekanntenkreises, auch AnwältInnen und ÄrztInnen, SteuerberaterInnen und -bevollmächtigte, Wirtschafts- und BuchprüferInnen, Seelsorger und Hebammen, Drogen- und SchwangerschaftskonfliktberaterInnen: alle Inhaber von beruflichen Zeugnisverweigerungsrechten werden zu Opfern des Lauschangriffs. Wer in Zukunft mit Vertretern dieser Gruppen vertraulich spricht, kann jederzeit die Grundlage für strafrechtliche Ermittlungen gegen sich selbst oder andere liefern; daran ändern auch etwaige Beweisverwertungsverbote vor Gericht nichts. Indem zudem jeder Journalist belauscht und jedes Redaktionsbüro verwanzt werden kann, läuft nicht nur der Informantenschutz leer: da die Polizei immer schon mithört, steht ohne großes Aufsehen ein Kernbereich der Pressefreiheit auf dem Spiel. Und dennoch will die SPD dem großen Lauschangriff zustimmen. Viele sind durch die Wahlkampfstimmung eingeschüchtert und hoffen, durch ihr Stillhalten die Chancen auf den Machtwechsel in Bonn nicht zu gefährden. Diese Rechnung geht nicht auf! Um die Stimmen der Befürworter eines starken Staates zu buhlen, schlägt, wie in Hamburg gesehen, fehl. Am Ende trägt doch die CDU als Original der law and order-Politik den Sieg davon. Und weil die Bonner Koalition auf das Thema "Innere Sicherheit" gar nicht verzichten kann, wird es auf jeden Fall zum Wahlkampfschlager. Die Forderungen, mit denen die SPD in der nächsten Stufe unter Druck gesetzt werden soll, sind schon formuliert: strafrechtliche Immunität für Verdeckte Ermittler, Abschaffung der Zeugnisverweigerungsrechte, Spähangriff usw. Die SPD behauptet, für eine politische Alternative in dieser Republik zu stehen. Aber sie ist für uns keine Alternative, und ein Machtwechsel in Bonn verliert jede Berechtigung, wenn die SPD immer wieder unter dem Druck des konservativen Sicherheitsmottos more of the same" einknickt und darüber jedes Grundrecht und jede rechtsstaatliche Garantie zu opfern bereit ist. Erstunterstützer dieses Aufrufes an den SPD-Parteitag: Bundesarbeitskreis kritischer Juragruppen (BAKJ), Humanistische Union (HU), JungdemokratInnen/Junge Linke, Komitee für Grundrechte und Demokratie, Netzwerk Friedenskooperative, Republikanischer Anwältinnen- und Anwälte-Verein (RAV) |
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Aktion in der Berliner Samariter-KircheFlugblattNachdem 1992/93 das Grundrecht auf Asyl (Art. 16 Grundgesetz) faktisch abgeschafft worden ist, ist jetzt die nächste Schutzgarantie der Verfassung zum Abschuss freigegeben: Das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung (Art. 13 GG) soll praktisch abgeschafft werden, der sogenannte "Große Lauschangriff" wie seit langem von den Spezialisten für Law-and-Order gefordert eingeführt werden. Darauf haben sich CDU/CSU, SPD und FDP geeinigt, in den nächsten Wochen soll die ganze Sache durch Bundestag und Bunderat beschlossen werden. Das dürfen wir nicht widerstandslos hinnehmen! Was ist der Große Lauschangriff?
Die Sicherheits-Mafia20 Jahre beharrliche ideologische Kleinarbeit der diversen Polizeiapparate und der politischen Law-and-Order-Fraktionen werden jetzt endlich, im Zuge der allgemeinen Bereinigung nicht mehr zeitgemäßer Verfassungsbestimmungen belohnt. Bekanntlich wurden solche Lauschangriffe im großen Stil erstmals im "Deutschen Herbst" durchgezogen, gegen Gefängnisinsassen aus der RAF wie gegen Zehntausende von Menschen, die als "Sympathisanten" auch "potentiell verdächtig" waren. Was damals noch illegal war und im Zuge eines unerklärten Ausnahmezustandes (=Außerkraftsetzung der Verfassung) betrieben wurde, soll jetzt die gesetzliche Normalität werden. An diesem Vergleich lässt sich ablesen, wie weit fortgeschritten die staatlichen Staatsapparate inzwischen sind in dem Bemühen, sich ihre eigene Aufrüstung und die Erweiterung ihrer Kompetenzen zu organisieren. Mit dem Großen Lauschangriff wird die Polizei mit ihren Kollegen von den Verfassungsschutzämtern und dem Bundesnachrichtendienst endlich gleichziehen und über ein vollwertiges Instrumentarium geheimdienstlicher Methoden verfügen. Praktisch konkurrieren in der Bundesrepublik eine Vielzahl von Polizei-Geheimdienst-Komplexen miteinander um die effektive Kontrolle der Bevölkerung ein geradezu typisches Merkmal einer Diktatur, nicht eines Rechtsstaates. Die Feindbilder, die in diesem Zusammenhang geschürt werden , sind nahezu austauschbar. Ob der Staatsfeind Nr. 1 die "Terroristen", der "Schwarze Block", die "kurdischen Gewalttäter", der Scientology-Konzern, die "ausländischen Drogendealer" oder die "Russenmafia" heißt: Immer wieder hören wir die selben Forderungen. Um den Inneren Feind zu bekämpfen, muss die Freiheit der Bürger zurückstehen, der Staat muss mit noch mehr Gewaltmitteln ausgestattet werden. Im Namen der "Sicherheit" wird die Bevölkerung aufgehetzt und zum Schulterschluss im nationalen Kollektiv aufgefordert. Geschickt appelliert die Sicherheitspropaganda an diffuse Ängste der Menschen und lenkt vom Rückzug des Staates aus Sozialpolitik und wirtschaftlicher Regulierung ab. Als besonders effektive sprachliche Neuerung hat sich in diesem Zusammenhang das Schlagwort von der "Organisierten Kriminalität" (OK) erwiesen, eine Erfindung des Bundeskriminalamtes (BKA). Das hinterlistig-unsichtbare-kosmopolitische Wirken der OK-Banden (eine typisches Bild aus anti-semitischen Denkmustern) fordert doch geradezu die geheimdienstlich operierende Polizei bzw. den polizeilich operierenden Geheimdienst. Bei Bedarf mit rassistischen Untertönen angereichert ("die ausländischen Verbrecherbanden") gelang es der Propagandaabteilung des BKA und ihren interessierten Verstärkern in Medien und Parteien, die vorübergehende Krise zu überwinden, die mit dem Wegfall der "Bedrohung aus dem Osten" verbunden war. Heute macht sich das BKA erfolgreich daran, mit der EUROPOL-Behörde die Liste der Geheimpolizeidienste auf europäischer Ebene um ein "Europäisches FBI" zu bereichern. Die Bekämpfung des OK ist von vorne herein als ein Dauerbrenner angelegt: nach dem Motto more of the same kann theoretisch unbegrenzt nach immer weiteren Ermittlungsmethoden oder der Senkung rechtsstaatlicher Hürden verlangt werden, um jetzt-endlich-effektiv die OK-Banden aufspüren zu können und ihnen "mit gleichen Waffen" zu begegnen, wie der zutiefst anti-rechtsstaatliche Standardtopos dazu lautet. Dieser Theorie und Praxis der inneren Feindbekämpfung durch den starken Staat müssen wir mit einer grundsätzlichen Kritik begegnen. Wer sich darauf einläßt, mit den Staatsapparaten darum zu konkurrieren, wer das bessere, wohldosiertere Konzept zur Schaffung von mehr Sicherheit und zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens hat, hat den Mechanismus nicht verstanden, mit dem der Abbau von Freiheitsrechten hergestellt wird. Gegen Kriminalität hilft nur Entkriminalisierung und die Entwicklung von zivilen, nicht-gewalttätigen Formen der Konkliktlösung. Die "Sicherheitsbedürfnisse der Bevölkerung ernst nehmen", wie auch von Kritikern des Lauschangriffes genauso naiv wie fahrlässig immer gesagt wird, kann nur heißen: Die Ursachen von Kriminalitätspanik beseitigen und aufzeigen, wessen Interessen hinter dem Gerede von Innerer Sicherheit stecken. |
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Redaktion: JungdemokratINNen/Junge
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