die telefone sind mobil, die computer tragbar und die datenstroeme schnell und
unsichtbar. doch je mueheloser die geld- und warenstroeme die nationalstaatlichen
territorien durchqueren, desto mehr schotten sich die reichen metropolen gegen die
weltweiten migrationsbewegungen ab. "wir nehmen euch alles, aber euch nehmen wir
nicht" - so muss das postkoloniale ausbeutungsverhaeltnis umschrieben werden.
menschen, die versuchen, sich in sicherheit zu bringen - sei es auf der flucht vor
verfolgung oder einfach auf der suche nach glueck - haben heute kaum eine moeglichkeit
mehr, legal in ein land westeuropas oder nordamerikas einzureisen. eine der zentralen
politischen herausforderungen der naechsten zeit ist es, das herrschende grenz- und
migrationsregime praktisch und politisch anzugreifen und fluechtlingen mit und ohne
papiere zu unterstuetzen in den kaempfen um das recht zu leben, wo sie wollen und wie sie
wollen. denn: kein mensch ist illegal.
[cross the border]
| So hatte es sich Berlinale-Direktor Ulrich Gregor bestimmt nicht
vorgestellt. Mit dem Slogan "Kein Mensch ist illegal", Transparenten und
Sprechchören versuchten knapp hundert Menschen die Preisverleihung der diesjährigen
Berliner Filmfestspiele für ihren Protest zu nutzen. Sie hatten keine Chance: die Kameras
der TV-Stationen drehten ab, die Polizei verbot den Megaphoneinsatz und anschließend war
in den Medien kein Sterbenswörtchen zu vernehmen von einer Aktion, die gegen die
Änderung des Asylbewerberleistungsgesetzes gedacht war. "Mehr Politik!" hatte Gregor den deutschen Filmemachern noch drei Tage zuvor zugerufen. Zu läppisch wirkten die Lichterketten-Spots der Komödianten-Riege um Doris Dörrie angesichts der aktuellen französischen Spiel- und Dokumentarfilmproduktion. Diese steht im Moment im Bann des Appell der 66 Cineasten, die vor genau einem Jahr mit ihrer Weigerung, das neue französische Ausländerrecht zu akzeptieren, über hunderttausend Menschen auf die Straße getrieben haben und damit sicher nicht unmaßgeblich zum Regierungswechsel beitrugen.
Szenen wie die vorletzter Woche vor dem Zoo-Palast sind in Frankreich seit zwei Jahren fester Programmpunkt jedes größeren kulturellen Ereignisses von Cannes bis Avignon. Am 20. März 1996 hatten dreihundert Schwarzafrikaner in Paris die Kirche Saint-Ambroise besetzt, um sich ihrer drohenden Abschiebung zu widersetzen. In wenigen Monaten weitete sich die Aktion landesweit aus zur Massenbewegung der "sans papiers": Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere treten aus dem Schatten der Illegalität und fordern ihre Rechte ein. Ihr einziger Schutz vor dem staatlichen Repressionsapparat ist eine möglichst große öffentliche Aufmerksamkeit. Noch in der guten alten Tradition französischer Intellektueller stellten sich Filmemacher und Schauspielerinnen vor die rechtlosen Rebellen: sie boten ihre Vermittlungstätigkeit an, organisierten Demonstrationen, drehten Filme, formulierten Appelle. Allein: unter den UnterzeichnerInnen und Aktiven befanden sich nur ein paar der üblichen Verdächtigen, ansonsten aber eine Vielzahl von jungen FilmemacherInnen, die wenn überhaupt, dann keineswegs durch politisches Engagement aufgefallen waren. "Einen Voltaire verhaftet man nicht" soll de Gaulle einmal über das Engagement Sartres im Algerienkrieg fallen gelassen haben. Heute gibt es keinen Sartre, und auch keine Intellektuellen mehr, die in Gefahr stehen, verhaftet werden zu können. Das Modell "Engagement" hat offensichtlich ausgedient. Seit den frühen 80er Jahren haben sich die "Unberührbaren", die seit Zolas "j'accuse" fast hundert Jahre lang ihren guten Namen in die Waagschale warfen, um der Sache der Unterdrückten Gehör zu verleihen, derart an die Macht angedient, daß sie ihren Ruf endgültig verspielt haben. Wenn heute KünstlerInnen und Intellektuelle politisch intervenieren, wird man die großen Namen vergeblich suchen und vor allem das "Im-Namen-Anderer-Sprechen". Der Name ist unerheblich geworden, denn das Engagement ist durch eine neue Form abgelöst worden, die immer weiter um sich greift: den Aktivismus. Für den Aktivismus spielt das Echo in der Öffentlichkeit eine untergeordnete Rolle, für den Aktivismus gilt: "Schluß mit der funktionalen Dialektik von Engagement und Verrat!" Viel spannender ist, direkt an den Schnittstellen zwischen sozialer Realität und den Choreographien medialer Vermittlung einzugreifen, eigenhändig taktische Manipulationen vorzunehmen, die unvorhersehbare Ergebnisse zeitigen. Der Aktivismus reflektiert und ästhetisiert soziale Prozesse, vom klassischen Protest bis moderner Kommunikationsguerilla. Wenn es kein "Gut" und "Böse" mehr gibt, dann gibt es auch kein "gut" und "schlecht" mehr. Was zählt, ist formale, sitilistische, ästhetische Mannigfaltigkeit, und diese wird umso größer je selbstbewußter, eine neue Generation von KünstlerInnen und AktivistInnen mit dem Inhalt umgeht, der in den Zeiten von Internet meistens auch besser "content" genannt wird.
Als Tribut an die Bewegung der "sans papiers" konzipierte die internationale Gruppe [cross the border] ihren Beitrag zu Anfang des Hybrid Workspace: zehn Tage lang wurde die Orangerie in eine Schnittstelle zu den aktuellen Auseinandersetzungen in Paris umgebaut. "Copy and Paste" hieß die Devise, unter der geladene Vertreter von Flüchtlingsorganisationen und antirassistischen Gruppen aus dem kirchlichen, gewerkschaftlichen und autonomen Spektrum gemeinsam den Appell "kein mensch ist illegal" verabschiedeten. Die Erklärung, die offen zur Unterstützung von MigrantInnen bei der "Ein- und Weiterreise", bei der Versorgung "mit Arbeit und Papieren" und der "Gewährleistung von medizinischer Versorgung und materiellem Überleben" aufruft, wurde bis heute von über 2000 Einzelpersonen und knapp 300 Gruppen unterzeichnet. Nur wer ganz genau hinsieht, findet im Kleingedruckten auch die Namen etlicher prominenter KünstlerInnen von Elfriede Jelinek über Ralph Giordano bis Christa Wolf. Ansonsten orientiert sich die Kampagne "kein mensch ist illegal" an ihrem französischen Vorbild: Künstler werden selbst aktiv, gestalten Webprojekte und Installationen, machen Radio, produzieren Filme und Ausstellungen. Sie gehen auf die Straße - nicht um gesehen zu werden, sondern um zu intervenieren. Sie gehen in Museen und auf Festivals, nicht um ausgestellt zu werden, sondern um die Wirklichkeit hereinbrechen zu lassen. Und die Wirklichkeit ist geprägt von immer neuen und immer stärker befestigten Grenzen, in einer Welt, in der zwar Geld und Kapital frei herumvagabundieren dürfen, nicht aber die meisten Menschen.
"Free access for all!" der große Wunschtraum des Internet soll wenigstens in der wirklichen Welt wahr werden. Warum, und was das alles überhaupt noch mit Kunst zu tun hat, weiß Olia Lialina, einer der derzeit wichtigsten Web-Künstlerinnen, wahrscheinlich am besten: in der Nacht, die sie in der Schlange vor dem deutschen Konsulat zubringen mußte, um an ihr 10-Tages-Besuchsvisum für die Fortsetzung von [cross the border] in München zu kommen, holte sie sich prompt eine schwere Bronchitis |
Seite erstellt am: 16.05.98 | last modified: |
Redaktion: JungdemokratINNen/Junge
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